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Interview mit Mani Schorrlepp

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 „Durch mein kleines Engagement beim Forum Heersum habe ich persönlich wachsen können und sehr viel mehr zurückerhalten, als ich gegeben habe“, sagt der heute 66 jährige Rentner, der für sich daraus das Lebensmotto entwickelt hat: „Kenn ich nicht, mach ich!“

Um die Bedeutung  verstehen zu können, müssen wir zurückblicken ins Jahr 2007. Der Hamburger Werbetexter hatte sich in eine Hildesheimerin verliebt und wurde von ihr als Zuschauer zur Premiere des Theaterspektakels „Die Runkelritter“ des Forums Heersum mitgenommen. Da  stolperte er unbedarft ins freiwillige Engagement.

Werbetexter, da könnte man ja meinen, der Mann weiß (sich) zu verkaufen und zu präsentieren und nichts ist besser als vorne in der ersten Reihe zu stehen. Weit gefehlt. An Präsentationen hat er nur gezwungenermaßen mal teilgenommen, wenn es gar nicht anders ging. „Nie und nimmer hätte ich das freiwillig gemacht, unvorstellbar! Auf Menschen zugehen, mal einfach so, ganz locker, unmöglich,“ erzählt er und man merkt ihm an, wie die Vergangenheit an seinem geistigen Auge vorbeizieht. „Ich war total verschüchtert.“ Wer ihn heute erlebt, mag das kaum glauben.

 Musik war seine große Liebe, und er hatte schon immer Liedertexte im stillen Kämmerlein geschrieben. Singen konnte er durchaus, komponieren eigentlich auch, mehr so aus dem Bauch heraus. Aber Noten lesen, Instrumente spielen, sich vor Menschen stellen und sich das alles trauen, das konnte er nicht. Dafür musste er Leute finden, aber er fand nie die richtigen. Trotzdem bot ihm jemand einen Plattenvertrag an, aber als es ins Studio gehen sollte, war die Stimme weg. So lange, bis der Plattenvertrag gekündigt war. Eine ärztliche Koryphäe aus Wien bescheinigte ihm: „Sie fürchten sich zu Tode, wenn sie daran denken, vor Menschen singen zu müssen. Retten Sie Ihre Lebensqualität und begraben Sie diesen Traum. Sie sind dafür nicht geboren.“

Dies ist wichtig, um die weitere Entwicklung und die Dankbarkeit, die ihm sein unverhofftes Engagement in Heersum brachte, verstehen zu können.

 Vor 13 Jahren, frisch verliebt, wurde er von seiner neuen Flamme, die dort als Produktionsleiterin ihr Geld verdiente, zum Landschaftstheater vom Forum Heersum eingeladen. Er hatte bis dahin wenig mit Theater am Hut, aber da er wissen wollte, was seine Liebste so machte, reiste er zur Premiere aus Hamburg an. Das Auto wurde mit Verpflegung für den Backstage-Bereich beladen, am Wohldenberg entladen, er bekam seine Eintrittskarte in die Hand, reihte sich ein in das Publikum von 500 Leuten – und war Fan von der 1. Szene an. Zur nächsten Vorstellung am folgenden Tag ging er wieder mit. Die damalige Zuschauer-Einweiserin rief ihm über den halben Platz zu: „Du warst doch gestern schon da. Dann weißt du ja, wo die Zuschauer stehen dürfen und wo nicht. Mach mal mit.“ Es war ihm so peinlich, dass er am liebsten im Boden versunken wäre. Zaghaft versuchte er sich dann an der Aufgabe. Das war nicht seins.

Alles andere hatte ihm aber so gut gefallen, dass er auch am nächsten Wochenende wieder aus Hamburg anreiste und  sich wieder als Hilfseinweiserlehring einspannen ließ. Schlussendlich war er die ganze Saison dabei und merkte, dass er selbstsicherer wurde und die Zuschauer sogar auf ihn hörten.

Ihm war da schon klar, dass er in der nächsten Saison als Einweiser gesetzt war, und er hat gerne zugesagt, denn inzwischen machte es ihm Spaß, sich vor den Zuschauern zu präsentieren. Er war gewachsen. Seine Ängste waren weg und in der 2. Saison hat er als Einweiser hin und wieder auch mal kleine Szenen improvisiert und fand es interessant und angenehm, wenn ihn die Menschen anschauten und er sie zum Lachen bringen konnte. 10 Jahre ist er in der Funktion dabei geblieben, und der Verein hat ihn einfach machen lassen und auch wertgeschätzt. 2012 wurde er zum „Heersumer des Jahres“ gekürt. „Das hat mich glücklich gemacht, es war schön, dass gesehen wurde, dass ich als Auswärtiger die ganze Theatersaison jedes Wochenende  anreise und Samstag und Sonntag jeweils 8 Stunden auf meine Weise beim Forum mitspiele“, sagt Mani Schorrlepp, der auch einmal als namenloser Pirat mitspielte, aber keinen Spaß am Schauspielern fand. „Trotzdem: Das Forum Heersum hat mir ungemein geholfen, mich von „Hilfe, Öffentlichkeit droht“ zu „Hier bin ich“ zu entwickeln und keine Angst mehr vor Dingen zu haben, die mir fremd waren. Mein Motto war nicht mehr „Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht“, sondern „Kenn ich nicht, mach ich“. Das hat mein Leben ungemein bereichert. Hätte mich das Forum nicht ins kalte Wasser geworfen, wäre ich immer ein ängstlicher Mensch geblieben, und mir wäre unheimlich viel entgangen. Dafür bin ich unendlich dankbar.“

Die letzten 2 Jahre hat er dann beim Forum im Chor und im Männerquartett mitgesungen. Einfach mal was anderes machen. Zum ersten Mal in seinem Leben vor Menschen singen. Angst davor hatte er kein bisschen.

Im Gegenteil: Mani wollte mehr. Mit Stefan Kropp, einem befreundeten Gitarristen, der auch im Chor mitsang, entwickelte er die Idee, die Zuschauer in einer Szenenpause als Duo musikalisch zu unterhalten. Auf dem Röderhof spielten – mit Hasenohren – sie Liebeslieder, die jeder kennt, in Arrangements, mit denen niemand rechnete. Zum Beispiel „Marmor, Stein und Eisen bricht“ als Walzer. Das kam so super an, dass daraus das Duo „Alte Falter“ entstand, das inzwischen mit selbst geschrieben Songs, aber ohne Hasenohren auftritt. Zu denen steuert Mani Schorrlepp nicht nur Texte aus dem stillen Kämmerlein bei, sondern auch Kompositionen, Arrangements und oft den Lead-Gesang. Ein Lied hat übrigens den Titel „Kenn ich nicht, mach ich“.

Durch die Theater-Aufführungen entstand eine Freundschaft zur Heimstatt Röderhof. Dort gaben „Alte Falter“ Weihnachten 2018 ihr erstes eigenes Konzert.  Daraus ergab sich die Anfrage, ob Mani bei einer Bilderversteigerung des Röderhofs im Literaturhaus Sankt Jakobi nicht den Auktionator machen würde. Getreu seinem neuen Lebensmotto sagte er spontan zu. Die Auktion erzielte ungefähr sechs Mal so hohe Einnahmen wie erhofft. „Das lag aber an den tollen Bildern“, wehrt er ab.

Und wie geht es ihm damit, dass dieses Jahr die Heersumer Sommerspiele ausfallen?

„Das ist die absolute Katastrophe. Auch weil – neben dem Spaß, der nicht stattfinden darf – viele Kosten weiterlaufen, ohne dass es Einnahmen gibt. Ich hoffe nur, dass es nächstes Jahr weitergeht. Wenn ich dazu beitragen kann, werde ich die Ärmel hochkrempeln und mit anpacken. Vielleicht können wir ja die eine oder andere Benefizveranstaltung organisieren. Wenn dies denn wieder möglich ist.“

 Reisen würde er gerne mal wieder nach San Francisco. Mit Marion, seiner Flamme aus dem Jahr 2007, mit der er seit über 8 Jahren happy verheiratet ist. „Kennen wir zwar schon, wollen wir aber trotzdem nochmal.“ Bis die Reisekasse gefüllt ist, tröstet Mani Schorrlepp sich mit seinem Lieblingsessen: Arabisches Reiterfleisch nach einem Rezept von Clemens Wilmenrod, Deutschlands erstem Fernsehkoch.

 

Dieses Interview wurde am Telefon geführt und auch wenn es ein lebhaftes und fesselndes Gespräch war, so fehlte doch das Gesicht und die Gesten. Ich bin sicher, da war so manches Freudestrahlen und Blitzen, was mir so entgangen ist und ich nicht einfangen konnte.

09.06.2020 
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