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Digitaler Austausch - Erfahrungen und Tipps aus dem Leinebergland

Interview mit Jens Wolf, Erster Vorsitzender des "Förderkreises Integration Leinebergland e.V."


Wo liegen erfahrungsgemäß die größten Probleme im digitalen Bereich bei Vereinen und in der ehrenamtlichen Arbeit?

Das größte Problem ist oft gar nicht die Technik oder die fehlende Technik, sondern die digitale Spaltung zwischen den Mitgliedern eines Vereins oder einer Gruppe von Ehrenamtlichen.

Was genau meinen Sie damit?

Es gibt in wahrscheinlich jedem Verein Mitglieder, die „digital affin und fit“ sind und ohne Probleme mit Smartphone und PC umgehen können und es gibt andererseits diejenigen, für die diese Geräte eine große Herausforderung bedeuten.

Man muss bei der Digitalisierung eines Vereins sehr darauf achten, dass diese letztere Gruppe nicht abgehängt wird.

Nehmen Sie so etwas vermeintlich einfaches, wie eine WhatsApp-Gruppe. In so einer Gruppe können blitzschnell Informationen verbreitet werden. Es gibt dann eine kurze Diskussion in der Gruppe, aufgrund der dann vielleicht sogar eine Entscheidung gefällt oder ein Termin verabredet wird. Jemand, der nicht Teil dieser Gruppe ist, bekommt davon nichts mit und selbst wenn er danach informiert wird, war er nicht Teil der Entscheidung und wird vor vollendete Tatsachen gestellt. Ein solches Vereinsmitglied fühlt sich schnell -und nicht zu Unrecht- ausgegrenzt.

Wie kann man da gegensteuern?

Man muss vor allem aufpassen, dass sich ein solcher Prozess nicht dynamisiert. In manchen Fällen kann das sogar eine temporäre „Ent-digitalisierung“, also ein Zurückfahren der digitalen Vereins-Aktivitäten bedeuten. Hier ist es wirklich wichtiger, alle Leute mitzunehmen und einzubinden, als die Effizienz oder die Bequemlichkeit in den Vordergrund zu rücken.

Zunächst einmal braucht man einen guten Überblick, wer welche Hilfe benötigt. Fehlt es an Hardware? Oder am Verständnis der Technik? Manchen älteren Menschen erschließt sich zunächst auch gar nicht der praktische Sinn dieser Technik, aber viele sind begeistert, wenn sich einmal jemand die Zeit nimmt, alles zu zeigen und zu erklären.

Es gibt dafür keinen Königsweg à la „wir spendieren mal allen einen Kurs und dann klappt das schon“. Die Lösungen sind hier so individuell wie die Menschen mit denen wir dabei umgehen.

Können Sie einige von den Lösungen nennen?

Sicher. Eine Idee wären zum Beispiel die „digitalen Paten“, also wenn sich ein digital affines Vereinsmitglied um ein Mitglied kümmert, dass noch Lernbedarf hat. Das funktioniert sehr gut, weil hier das Vertrauen ganz wichtig ist, auch mal „eine dumme Frage“ (in großen Anführungszeichen!) zu stellen. So etwas passiert nicht in einem Gruppen-Seminar, ist aber für das grundsätzliche Verständnis enorm wichtig.

Wenn Hardware fehlt, kann man ja auch erst einmal herausfinden, ob jemand im Verein vielleicht noch ein älteres Handy oder Tablet hat, dass er leihweise zum Ausprobieren zur Verfügung stellen kann, bevor sich jemand zu einer Neuanschaffung genötigt fühlt.

Generell ist natürlich eine eher dezente und persönliche Herangehensweise eine bessere Idee, als auf der Jahreshauptversammlung zu fragen, wer denn jetzt immernoch kein WhatsApp hat.

Wo wir von Jahreshauptversammlungen reden: Wie macht man so etwas digital?

Ausdrücklich nur nach einer ausgiebigen Testphase, es sei denn, sie möchten ihre Mitglieder für die ersten 30 Minuten der Versammlung mit technischen Problemen fesseln [lacht].

Aber ernsthaft: Digitale Mitgliederversammlungen sind zwar zulässig, wollen aber gut vorbereitet sein.

Wichtige Fragen wären z.B.: Welche Konferenzsoftware benutzen wir? Haben alle Mitglieder eine Web-Kamera und/oder ein Mikrofon? Und: funktioniert diese Hardware auch wirklich? Denn manch stolzer Besitzer eines Laptops kommt erst darauf, dass die eingebaute Kamera nicht funktioniert, wenn sie nach Monaten zum ersten Mal gebraucht wird.

Ich empfehle dringend, einige Tage vor der Versammlung einen kurzen Testlauf mit allen(!) Mitgliedern zu veranstalten, um Fragen zu klären, sich mit der Technik vertraut zu machen und noch auf einzelne technische Probleme reagieren zu können.

Was kann sonst noch bei virtuellen Treffen schief gehen?

In erster Linie, dass die Teilnehmer meinen, dass die Kommunikation in einer Video-Konferenz genau so funktioniert, wie im persönlichen Treffen. Aber das ist definitiv nicht der Fall. Die Köpfe der anderen Teilnehmer sind bei Video-Konferenzen meist Briefmarken-groß, Mimik und Gestik sind schwer zu erkennen und auch an die veränderte Geräuschkulisse muss man sich erst gewöhnen.

Außerdem: Wenn man ein solches Treffen zum ersten Mal moderiert, ist dringend anzuraten, sich vorher mit dem Thema „Moderation von Video-Konferenzen“ zu beschäftigen. Gleich zu Beginn der Veranstaltung sollten dann auf jeden Fall die allgemeinen Regeln für die Konferenz kommuniziert werden, z.B. dass alle Teilnehmer stumm geschaltet sind, bis sie sich für einen Wortbeitrag melden. Es muss klar sein, wie man sich meldet, oder ob ein Chat benutzt werden kann, u.s.w.

Mit klaren Regeln läuft so ein Treffen bedeutend entspannter für alle Beteiligten ab.

Noch einmal zurück zum ursprünglichen Thema: Welche Probleme gibt es ganz generell sonst noch im digitalen Bereich der Vereins- und Ehrenamtsarbeit?

Natürlich gibt es auch klare Defizite in der Hardware-Ausstattung der Vereine. Ich traue mich zu behaupten, dass der absolut überwiegende Teil der Vereinsarbeit auf den Rechnern der Vereinsmitglieder erledigt wird und nicht auf einem Vereins-PC oder Laptop. Das ist ja ein nahezu altruistischer Zug von Vereinsmitgliedern, aber es kann auch zu Problemen führen, wenn z.B. jemand unvorhergesehen stirbt oder wenn jemand nicht „im Guten“ mit dem Verein auseinander geht. Dann ist es nämlich schwer, an die von dieser Person produzierten Daten heranzukommen.

Mit eigener Hardware und einem „Cloud-Speicherplatz“, der für alle administrativ tätigen Vereinsmitglieder zugänglich ist, hätte man das Problem nicht. Auch hier gibt es keine einfache und generelle Antwort, aber man sollte sich Gedanken darüber machen, was für den eigenen Verein eine sinnvolle Lösung sein kann.

Und wenn man wohl eine Lösung, aber kein Geld hat?

Dann wird es in der Tat Zeit, für einen neuen Vereinsposten [lacht]. Na klar: Wenn ich in einem Tischtennis-Verein bin, will ich in erster Linie Tischtennis spielen und mich nicht um administrative Sachen kümmern. Aber wenn es im Verein mit dem Finanzpolster klappen soll, dann muss man auch in den sauren Apfel der Administration beißen. Es ist also jemand nötig, der sich um Förderungen kümmert.

Das Problem ist, gerade in den heutigen Zeiten, ausdrücklich nicht, dass ehrenamtliche oder Vereins-Arbeit nicht gefördert wird, sondern dass es zu wenig Vereine gibt, die von diesen Förderungen wissen und dann auch tatsächlich Förderanträge stellen.

Wie erfährt man als Verein von Förderungen?

Naja: In erster Linie heißt es natürlich für absolut alle Vereinsmitglieder einmal: Augen auf! Solche Förderungen unterliegen nicht der Geheimhaltung und werden in der Presse angekündigt. Funktioniert aber nur dann, wenn die Leute, die es lesen auch dem Vereinsvorstand bescheid geben. Kurz: lieber drei Mal zuviel auf ein Förderprogramm aufmerksam gemacht, als ein Mal zu wenig. Genau das darf und sollte auch gern mal unter den Mitgliedern kommuniziert werden!

Außerdem gibt es schon Netzwerke für so etwas. Als Beispiel sei hier einfach nur das „VereinT“-Netzwerk in meiner Samtgemeinde Leinebergland genannt. Da gibt es regelmäßig Newsletter rund um alles, was für Vereine und Verbände wichtig ist. Etwas Werbung in eigener Sache sei erlaubt: In den Verteiler kann man sich natürlich auch als Verein eintragen lassen, der nicht in der Samtgemeinde Leinebergland seinen Sitz hat… Wir sind dran!

Sie erreichen Herrn Wolf über folgende Email-Adresse:

j.wolf@sg-leinebergland.de


Auch in diesem Newsletter finden sich einige Hinweise auf Fördermöglichkeiten und in Kooperation mit dem Landkreis gibt es Praxistipps per Online-Seminar, siehe in den Ausblicken.

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